By your side-by Shingel
Titel: Schrei Nach Liebe
Autorinnen: Kitty (Bills Sicht) & Lolle (Toms Sicht)
Genre: depri, lemon, slash
Hauptpersonen: Bill & Tom
Rating: PG-16 / PG-18 (zum Teil)
Disclaimer: Die Geschichte is frei erfunden und die Personen die in der Geschichte vorkommen gehören uns (leider) nicht und wir verdienen auch kein Geld mit der FF....


-*Kapitel 1*-



Meine haselnussbraunen Augen mustern mich im Spiegel. Meine Augen haben einen traurigen und zugleich verletzlichen Ausdruck. Sie sind blutunterlaufen. Das kommt davon, wenn ich immer so viel weine. Ich betrachte meine Arme, die von lagen, dünnen Narben nur so übersäht sind. Immer wieder tu ich mir das an. Immer wieder, nur wegen dir. Du wirst mich nie lieben, dass zeigst du mir täglich, doch trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf. Doch diese Hoffnung ist sinnlos, trotzdem ist das das Einzige was mich noch leben lässt. Ich betrachte mich weiter im Spiegel. Ich hasse mich. Du hasst mich. Wieder bahnt sich eine Träne den Weg über meine Wange, hinab zum Boden. Hör auf damit! Hör auf, Bill! Doch ich kann nicht. Noch einmal werfe ich einen Blick in den Spiegel, sehe mein trauriges Gesicht. Ich will es nicht mehr sehen und hole aus.

Ein furchtbarer Schmerz durchzuckt meine Hand, als sie mit geballter Faust den Spiegel trifft. Viele kleine und große Scherben landen klirrend auf dem Boden. Auch in meiner Hand stecken welche. Vorsichtig ziehe ich eine nach der anderen raus und sofort ist meine Hand von Blut überströmt. Ich beobachte wie das Blut meine Finger entlang läuft und Tropfen für Tropfen zu Boden fällt.

Auch wenn meine Hand grauenvoll weh tut, der körperliche Schmerz ist noch nicht genug um zu vergessen, wie sehr du mich immer wieder demütigst. Ich nehme eine der Scherben und fahre mit ihr meinen Unterarm entlang, ganz sanft, so das noch nichts passiert, doch dann drücke ich zu und mein Arm beginnt rote Tränen zu weinen. Immer wieder schneide ich mir in den Unterarm und jedes Mal fühle ich mich frei, erlöst. Nach einiger Zeit lasse ich die Scherbe wieder gen Boden fallen. Mein ganzer Körper zittert vor Schmerz, doch nur so fühle ich, dass ich noch lebe.

Ich setze mich auf mein Bett und betaste die frischen Fleischwunden. Immer wieder, bei jeder Berührung, durchzuckt mich ein höllischer Schmerz, doch dieser Schmerz ist nichts gegen meine seelischen Qualen, die ich wegen dir durchlebe.

Mit einem lauten Knall schlägt meine Zimmertür gegen die Wand und du stehst in meinem Zimmer. Als du das Chaos in hier siehst und meine frischen Wunden am Arm, breitet sich ein Grinsen auf deinem Gesicht aus. Du liebst es, wenn ich leide.

„Hey Billy Boy! Was hast du denn schon wieder gemacht? So eine Sauerei! Räum das auf! Das is ja widerlich!“, sagt du, in einem schneidenden Ton.
Deine Augen haben einen kalten, harten Ausdruck, sie spiegeln Hass wieder. Ich bin so eingeschüchtert durch deinen Blick, dass ich mich keinen Millimeter bewege.
„Hast du nicht gehört was ich gesagt hab, Schwuchtel? Du sollst das aufräumen!“
Ich zucke unter dem Tonfall deiner Stimme zusammen.

Du kommst auf mich zu, packst mich mit einer Hand fest am Handgelenk, mit der Anderen schlägst du mir genau ins Gesicht. Sofort steigen mir Tränen in die Augen.
„Heul nicht! Räum auf!“, kommt es von dir und endlich erhebe ich mich von meinem Bett und ich lasse mich auf den Boden sinken um die Scherben einzusammeln.
„Na geht doch!“, sagt du und begibst dich in Richtung Tür, dort bleibst du noch einmal kurz stehen und fügst noch hinzu:
„Ach übrigens! Ich hasse dich!“

Danach verlässt du mit lautem Türknallen mein Zimmer. Auch wenn du mir fast täglich sagst, dass du mich hasst, tut es doch immer wieder weh. Warum habe ich dir das damals nur gesagt? Seitdem ich dir gesagt habe, dass ich dich liebe hasst du mich.

Wenn ich es dir nicht gesagt hätte, ob du dann anderes mit mir umgehen würdest? Nein, wahrscheinlich nicht, denn du hasst einfach alles an mir, mein Aussehen, meinen Charakter, meine Stimme aber am Meisten hasst du meine Lieb zu dir. Du denkst, dass ich aufhöre dich zu lieben, wenn du mir regelmäßig weh tust und mich beleidigst. Doch egal was du mir antust, nie könnte ich aufhören dich zu lieben.

Endlich habe ich alle Scherben aufgesammelt und weg gekehrt und das Blut von meinem Parkettboden gewischt.
Ich beschließe noch mal nach draußen zu gehen um den Kopf zu bekommen. Doch im Flur laufe ich ausgerechnet dir in die Arme.
Ich versuche dich nicht zu beachten und schnappe mir eine Jacke vom Kleiderständer.

„Hey! Wo willst du hin?“, fragst du in einem bissigen Ton. Ich weiß, dass wenn ich dir jetzt antworte nie hier rauskomme und so verlasse ich fluchtartig unsere kleine „WG“.
Seit ungefähr einem halben Jahr wohnen wir jetzt schon zusammen.
Warum du mit mir hier lebst, ist mir relativ unklar. Aber mir solls recht sein, schließlich kann ich dich so Tag und Nacht beobachten und in deiner Nähe sein, auch wenn dir das gar nicht recht ist.

Ich laufe blindlings drauf los, wie sooft ohne Ziel.
Plötzlich durchzuckt ein Blitz den Himmel und einer lauter Donner folgt ihm.
Zu allem Unglück beginnt es auch noch zu regnen. Und so kleben meine Klamotten schon kurze Zeit später an meinem dünnen, zerbrechlichen Körper, genauso wie meine schulterlangen, schwarzen Haare.

Ich lasse mich an einer Hauswand nieder sinken und strecke meinen Kopf in Richtung Himmel. Ich schließe die Augen, lasse den Regen auf mein Gesicht prasseln und lausche dem Gewitter.

Ich weiß nicht wie es weiter gehen soll, was ich machen soll. Langsam bin ich einfach am Ende mit meinen Kräften. Es ist wirklich nicht einfach dich zu lieben.
Und schon beginne ich zu weinen. Ich weine, so wie fast jeden Tag.
Schnell vermischen sich dir Regentropfen mit meinen Tränen.

Es ist mittlerweile stockdunkel, nur vereinzelte Blitze und das spärliche Licht der Straßenlaternen erhellen die Gegend. Und was mache ich? Ich sitze hier in irgendeiner Gasse an eine Hauswand gelehnt. Ein leiser, jedoch verzweifelt klingender Schluchzer entfährt mir. Ich bin ja so erbärmlich!

„Hey Junge! Was hast du denn?“, reißt mich eine brüchige, alte Stimme aus meinen Depressionen. Verwundert gucke ich in das Gesicht eines alten Mannes.
Er muss um die 60 sein, denn auf seinem Kopf befinden sich kaum noch Haare, dafür hat er einen Vollbart. Seine Klamotten sind dreckig und kaputt. Als er mich anlächelt bemerke ich, dass er kaum noch Zähne besitzt. Auch er ist vom Regen durchnässt.

„Kann ich dir vielleicht irgendwie helfen?“, fragt er und starrt mich mit seinen durchdringenden, blauen Augen an. „Ähm, ich glaube nicht. Niemand kann mir helfen!“, murmel ich.

Der alte Mann lässt sich neben mich sinken und legt seine dreckige Hand auf meine Schulter. „Willst du mir nicht erzählen was dein Problem ist?“ Ich schüttel leicht mit dem Kopf.

„Sie würden es nur abstoßend finden“, meine ich und beginne heftiger zu weinen.
„Ach Junge, ich habs schon so viele abstoßende Dinge gehört, gesehen und mit erlebt. Schau dir beispielsweise das hier mal an“, sagt er und krempelt sein Hosenbein hoch und zeigt auf eine riesige, breite Narbe an seinem linken Bein.
„Das finden Sie abstoßend?“, frage ich und unter all den Tränen entfährt mir ein kurzes Lachen.
Der Alte lächelt und schaut mich erwartungsvoll an. Vorsichtig öffne ich meine Jacke, ziehe sie aus und zeige ihm meine Arme, an denen sogar noch Blut von vorhin klebt.

Er mustert meine Arme intensiv und nickt dann mit einem mitleidigen Blick. „Warum tust du das, Junge? Warum ritzt du dich?“
„Weil ich dann merke, dass ich noch lebe und weil ich mich dann frei fühle“, antworte ich knapp.

Der Alte murmelt irgendwas unverständliches vor sich hin, schweigt dann aber auch und mustert mich weiter intensiv.
Er will mich einfach nicht in Ruhe lassen, will anscheinend unbedingt ein Gespräch mit mir führen. Ich seufze. Dann red ich halt ein bisschen mit ihm und hoffe, dass er dann verschwindet.

„Woher haben Sie diese Narbe?“ „Ach Junge. Eine 15 cm lange Scherbe hat sich bei einem Autounfall in mein Bein gebohrt. Aber das war nicht alles. Meine Eltern und mein Bruder starben bei dem Unfall“, erzählt er.
„Das tut mir Leid!“
„Schon gut! Ich habe ja ein Wundermittel, was mich alles vergessen lässt“, sagt er und lacht heiser.

Ein Wundermittel? So was täte mir bestimmt auch gut, einfach mal alle Schmerzen vergessen. Ja, das wäre wirklich schön.

„Was für ein Wundermittel?“, frage ich und schaue ihn mit großen Augen an. Wieder durchbricht das heisere Lachen des Mannes die Stille.
„Erzähl mir erst, was dein Problem ist, dann kann ich entscheiden, ob du es brauchst oder nicht“

Wieder durchzucken Blitze den pechschwarzen Himmel und auch ein Grollen ist zu hören. Soll ich es ihm erzählen? Eigentlich geht es ja nur dich und mich etwas an und du hast mir verboten es irgendjemanden zu sagen, aber es würde so gut tun mal mit jemandem darüber zu sprechen, außerdem brauche ich dieses Wundermittel.
Wieder seufze ich und gucke dem Mann in seine blauen Augen.

„Also, es geht um...“, ich stocke, soll ich es wirklich sagen?
Ja, ich werde mit diesem Mann darüber reden.
„Es geht um Tom. Ich hab mich in ihn verliebt“, fahre ich fort.
Der Mann nickt.
„Du bist also schwul und kommst damit nicht zurecht“
„Nein! Das ist ja an sich kein Problem, aber ... er weiß es. Und na ja, er erwidert meine Liebe natürlich nicht, stattdessen... stattdessen schlägt und ... beleidigt er mich. Und ... Und da ist noch was... Tom ist... Tom ist...mein Zwillingsbruder“, stottere ich. Doch als ich es ausspreche kommen wieder die ganzen Schmerzen hoch und wieder muss ich weinen.

„Du brauchst nicht heulen, Junge. Warte es nur ab, gleich wird es dir besser gehen“, sagt der Alte und seine Stimme klingt ganz anderes.
Irgendwie nett und einfühlsam.
Hoffnungsvoll schaue ich ihn an.

„Gib mir mal deinen Arm“, fordert er und ich tue wie mir befohlen und strecke ihm meinen blutigen, vernarbten Arm entgegen. Aus seiner dreckigen, kaputten Jackentasche zieht er eine Spritze.
Ich zucke.

Normalerweise habe ich furchtbare Angst vor Spritzen, aber momentan ist mir einfach alles Recht damit es mir besser geht. Er greift meinen Arm und schon spüre ich einen kurzen Schmerz als die Spritze meine Haut durchstößt und er alte Mann mir irgendwas in mein Blut spritzt. Danach zieht er die Spritze wieder raus, wirft sie auf den Boden und verschwindet fluchtartig.

Verwirrt schaue ich ihm hinterher. Kurze zeit bleibe ich einfach nur so im Regen sitzen, dann ziehe ich mir meine durchnässte Jacke wieder an.
Das Gewitter scheint weitergezogen zu sein, das Einzige was bleibt ist der Regen, der immer noch hemmungslos auf mich niederprasselt.
Warum ist der alte Mann nur so schnell weggelaufen.

Doch plötzlich wird mir richtig schwummerig und schlecht.
Ich lege mich flach auf den kalten, nassen Boden und lasse mich vom Regen beprasseln.
Dann höre ich plötzlich jemanden lachen.
Ich schaue mich nach diesem Jemand um, doch niemand ist da.
Jetzt erst bemerke ich, dass ich dieser Jemand bin, der lacht.
Ich habe so lange nicht mehr gelacht, dass es völlig fremd für mich klingt.
Ich lache, lache aus vollem Herzen, warum weiß ich nicht, aber ich kann einfach nicht anders.

Alle Schmerzen die du mir je zugefügt hast sind vergessen, ich lache sie einfach weg und vor mir tauchen viele kleine, bunte Lichtchen auf.
Ich rapple mich vom Boden auf um nach den Lichtern zu greifen, aber ich bekomme sie einfach nicht.
Ich gluckse bei jedem neuen Versuch den ich starte vor mich hin.
„Die sin soooo schön“, lache ich. Ich schwanke hin und her, aber dann strecke ich meine Arme aus und beginne mich auf der Stelle zu drehen, wobei ich laut lache.

Es dreht sich alles so schnell und die Lichtchen verschwimmen. Ich kann plötzlich nicht mehr grade auf einem Fleck stehen und stolpere. Ich sehe den nassen Boden immer näher kommen, doch kurz bevor ich ihn berühre fängt mich jemand auf.

Wieder lache ich. Das war ja lustig, denke ich, doch im gleichen Moment überkommt mich eine neue Übelkeitswelle und ich erbreche mich auf der Person, die mich aufgefangen hat.
Aber wieder kann ich nichts anderes tun als zu lachen und gluckse der Person ein „Upsi“ entgegen.
Die Person, auf der ich mich gerade erbrochen habe, schmeißt mich unsanft zu Boden.

„Du bist echt so widerlich, Schwuchtel!“, schreist du mich an und guckst schockiert auf dein T-Shirt mit dem Erbrochenen.
Erst einige Sekunden später realisiere ich.
Dass DU vor mir stehst. Was machst du hier?
Vorsichtig stütze ich mich vom Boden ab, auf den du mich eben geschmissen hast.

Doch plötzlich scheint meine ganze Energie, meine ganzen Glücksgefühle wieder verschwunden zu sein und mir wird schwarz vor den Augen, sodass ich schwach, erschöpft und müde zu Boden sinke und nichts mehr um mich herum mitbekomme...





-* Kapitel 2 *-



Ich liege in meinem bett und träume gerade vor mich hin, als ich plötzlich ein lautes Klirren aus deinem Zimmer höre. Ich schrecke auf, doch als mir klar wird das der Lärm wirklich nur aus deinem Zimmer kommt, leg ich mich wieder zurück.

Doch nach einigen Minuten werde ich doch neugierig, was bei dir los ist. Ich stehe auf und schleiche zu deiner Zimmertür, die einen Spalt weit auf ist. Mein Blick huscht durch dein Zimmer und bleibt an dir kleben. Du kniest am Boden in Mitten von Spiegelscherben. Einige Scherben sind rot von deinem Blut gefärbt und es tropft immer mehr Blut auf sie herab. Ich folge mit den Augen den tropfen hoch bis zu deinem Arm. In deiner einen Hand hältst du eine der Spiegelscherben und ziehst sie deinen Unterarm entlang. Dann drückst du plötzlich zu und dir entfährt ein leises Stöhnen, vor Schmerz. In deinem Gesicht spiegelt sich Erleichterung wieder, obwohl dein Körper vor Schmerzen zittert.

Nach einiger Zeit lässt du die blutverschmierte Scherbe wieder sinken, setzt dich auf dein Bett und spielst an deinen Wunden herum.
Du hast es verdient so zu leiden, schießt es mir durch den Kopf.
Du bist eine scheiß Schwuchtel und dann auch noch mein Bruder.
Mit was hab ich das nur verdient?
Wenn du dich selbst verletzt breitet sich in mir immereine so wohltuende Genugtuung aus, dass du dich selbst dafür bestrafst das du so ein verdammter Wichser bist. Meine Wut steigert sich ins unermessliche und ich muss ihr Platz machen.

Mit Schwung reiße ich deine Tür auf, wobei sie an die Wand knallt. „Hey Billy-Boy! Was hast du denn schon wieder gemacht, so eine Sauerei! Räum das auf! Das ist ja widerlich!“, begrüße ich dich mit schneidender Stimmt. Du bist so eingeschüchtert von mir, dass du mich nur furchterfülltem Blick anschaust. Mein Blick brennt sich in deinen Körper ein und ich spüre richtig die Macht, die ich über dich habe. „Hast du nicht gehört was ich gesagt habe, Schwuchtel? Du solltest DAS aufräumen!“ Da du nur verschreckt zusammen zuckst, packe ich dich an deinem blutverschmierten Handgelenk und schlage dir direkt ins Gesicht.
Ich muss grinsen, wie ich sehe, wie dir die Tränen in die Augen steigen. Du bist so eine Heulsuse.

„Heul nicht! Räum auf!“, schreie ich fast schon und endlich erhebst du dich von deinem Bett und fängst an die Scherben aufzusammeln.
„Na geht doch!“, sag ich zufrieden und drehe mich zum gehen um. An der Tür bleib ich noch mal stehen und drehe mich wieder zu dir um. Ich muss es noch einmal tun, dir noch einmal ins Gesicht sagen, damit du es endlich in dein kleines Schwuchtelhirn reinkriegst. „Ach übrigens! Ich HASSE dich!!!“

Ich liebe es wenn du, dann immer diesen traurigen Schleier über deine Augen bekommst, wenn ich dir sage, dass ich dich hasse. Es macht mich mir wirklich Spaß dich jeden Tag mit diesem Satz zu quälen.

Dann verlasse ich dein Zimmer mit lauten Türknallen und mir entfährt ein heiseres, gehässiges, leises Lachen. Ich verstehe einfach nicht, dass du mich immer noch liebst, nach all den Schmerzen die ich dir zugefügt habe. Die körperlichen Schmerzen, die ich dir durch meine Schläge und meine immer wieder auftretende gewalttätigen Übergriffe gegen dich, verursacht habe, wie auch die seelischen Schmerzen. Die sind für dich schmerzhafter und lassen noch tiefere Wunden an dir zurück als die vielen Schläge. Du selbst machst dich immer so fertig und das gibt mir jeden Tag mehr Kraft und Macht.

Warum ich mir dir in einer „WG“ zusammen wohne? Tja, ist das nicht offensichtlich? Es macht mir Spaß dich leiden zu sehen, dich für deine Lieb zu bestrafen und meine Macht aus zu spielen.
Aber manchmal, es kommt aber selten vor, frag ich mich wirklich was ich eigentlich bei dir mache, ob es überhaupt noch Sinn hat für dein Leid und deine Schmerzen zu leben oder ob ich mich besser von dir abwenden und mein Leben ohne dich und wo ganz anders ganz neu aufbauen sollte.

Gedanken verloren sitze ich an meinem Schreibtisch und zeichne vor mich hin, als ich deine Zimmertür höre. Na mal gucken, was du kleines Miststück schon wieder vorhast.
„Hey wo willst du den hin?“, frage ich dich wie immer mit einem bissigen Ton. Du versuchst mich nicht zu beachten, schnappst dir deine Jacke und verlässt schon fast fluchtartig unsere kleine Wohnung.
„Arsch“, flüstere ich dir noch hinterher und bin ehrlich gesagt enttäuscht, dass ich dir nicht noch irgendwas verletzendes zu rufen konnte.

Gefrustet von meiner kleinen Niederlage gehe ich in die Küche und hole mir einen heißen Kaffee.
Dann begebe ich mich mit dem Kaffe in das Wohnzimmer und stelle mich ans Fenster. Es ist diesig draußen und wird wohl bald regnen, wie immer an diesen grauen Wintertagen. Passt irgendwie zu meiner Stimmung, oder?

Gedankenverloren greife ich zu der Zigarettenschachtel, die auf dem Fensterbrett liegt, als plötzlich ein Blitz den Himmel erhellt und ein darauf folgender Donner sie Stille zerreißt. Ich nehme mir die letzte Zigarette aus der Schachtel und folge mit den Augen den Regentropfen, die die Fensterscheibe runter rinnen. Gelangweilt stoße ich den Rauch von meiner Zigarette aus. Durch die dicken grauen Schwaden sehe ich meine Augen gespiegelt in der Fensterscheibe.

Und schon wieder muss ich an dich denken.
Du hast genau die gleichen ausdrucksstarken Augen, nur dass deine in letzter Zeit nur noch traurig und verzweifelt sind.
Meine dagegen vor Hass, Hohn und Abscheu geprägt.

Jetzt wo du mich allein in unserer Wohnung zurückgelassen hast, weiß ich gar nicht was ich machen könnte. Unter normalen Umständen, also wenn du da wärst, würde mir schon was einfallen, wie ich dich wieder demütigen könnte. Aber so, bin ich irgendwie antriebslos.

Ich trinke meinen Kaffee aus und lasse mich aufs Sofa fallen.
Mal gucken was so in der Glotze läuft.
Da sich meine Zigarette dem Ende neigt, rauche ich sie auf und drücke sie achtlos auf einem Buch von dir aus.
Dein Pech, wenn du die Aschenbecher immer wegräumst.

Ich zappe gerade durch irgend so welche Mittagsprogramme, als der Fernseher auf einmal anfängt zu spinnen.
Erst zuckt das Bild nur und dann gibt es nur noch weißes Gekrissel.
Na toll, wurde die Leitung wohl von einem Blitz getroffen.

Mit noch schlechterer Laune als eh schon gehabt erhebe ich mich vom Sofa.
Jetzt brauch ich erst mal ne Kippe. Wieder greife ich zu der Schachtel am Fenster. „Verdammt“, flucht ich und knülle die leere Schachtel zusammen.
Dann werfe ich sie in den Papierkorb, der in einer Ecke steht. „Bor ey ne“, fluche ich noch mal als die Schachtel am Müll vorbei fliegt. Dieser Tag heute ist echt nur zum Kotzen. Und wo kriege ich jetzt bitte meine Kippen her?

Da kommst du, mein Bruderherz, mir wieder in den Kopf.
Du hast doch immer welche.
In einem kleinen Depot in deinem Kleiderschrank.
Also mach ich mich auf den Weg in dein Zimmer, zum zweiten Mal an diesem Tag.

Oben angekommen, öffne ich langsam deine Zimmertür, als würde ich erwarten, dass du wieder auf dem Boden kniest oder an der Wand lehnst und dich selbst verletzt. Es würde mich im Moment enorm aufbauen dich leiden zu sehnen, aber ich spüre nur wieder eine neue Welle der Enttäuschung, wie ich dein Zimmer leer vorfinde.
Aber ich mein ja mal, was hatte ich erwartet? Das du zu viel Red Bull getrunken hast, sodass du durchs Fenster herein geflogen bist, ohne das ich dein Kommen bemerkt hatte?
Oh Mann, ich brauch schnell Nikotin, sonst werde ich noch verrückt, oder bin ich das schon, wenn ich mich daran erfreue dich leiden zu sehen?

Als ich deinen Schrank öffne, kommt eine Duftwolke heraus geströmt die so typisch für dich ist.
Diesen Duft verbinde ich immer sofort mit dir, egal wo und in welchen Zusammenhang ich ihn rieche.
Ein paar T-Shirt-Stapel von dir verschoben und … …
tatataaa…
… da ist mein geliebtes Nikotin.
Sorgfältig wie du bist, Schachtel für Schachtel aufeinander gestapelt.

Ich schnappe mir gleich zwei Schachteln, als mir ein Karton auffällt.
Ich nehme ihn heraus und mir fällt auf, das diese Schachtel eher einem Schuhkarton ähnelt der mir Parolen wie „Mein Lebenselixier“, „Don’t forget this good moments in live“ und „Eingeschlossen hinter dicken Steintüren, fest gehalten durch Eisenketten, unterdrückt von Hass, das ist meinen Liebe“ beschrieben ist.

Gespannt, was der Karton enthält, hebe ich den Deckel ab. Als erstes Sehe ich ein paar Fotos.
Es sind alles Bilder von uns beiden.
Von früher, als wir noch Freunde und Brüder waren, wo wir uns noch alles erzählt haben, wo wir alles geteilt haben.
Ob du damals schon solche Gefühle für mich empfunden hast?
Hast du mich damals schon geliebt…?
Ich weiß es nicht…

Ich betrachte diese Bilder sehr lange, ich schaue in unsere strahlenden Gesichter und ich muss ehrlich zugeben, dass mir dabei irgendwie ganz komisch zumute wird. Deshalb lege ich die Bilder zur Seite und widme mich nun dem Rest, der sich noch in der Kiste befindet. Ha, was haben wir den da?!
Und schon habe ich den Schmerz, den ich beim Betrachten unsere Bilder verspürt habe, vergessen.
Denn ich halte deine Rasierklinge zwischen Daumen und Zeigefinger.
Das ist die Klinge, mit der du dich fast täglich selbst verletzt, wenn du nicht einen anderen spitzen oder scharfen Gegenstand in die Finger bekommst.
Was du wohl tun würdest, wenn ich die deine Klinge einfach wegnehmen würde?
Ja, ich weiß, du würdest verzweifelt nach ihr suchen und ich kann mir deine Augen, die du vor Panik weit aufreißen würdest genau vorstellen.
Wenn du das Verlangen hast dich selbst zu verletzen brauchst du sie immer schnell und du verlässt dich ja auch darauf dass die auf dich wartet, in deinem Karton.

Na ja ist jetzt auch egal mal schauen was du noch so gebunkert hast.
„Pah, das gibt’s doch nicht, du kleine Ratte klaust auch noch“, flüstere ich vor mich hin und ziehe aus dem Karton eins meiner riesen Haargummis und ein Schweißband von mir, was ich echt schon überall gesucht habe.
Tz, also ehrlich, das hätte noch nicht einmal ich von dir erwartet, du Dieb, du.

Schließlich hole ich nicht ein Buch hervor.
Außen hast du es mit Graffiti ähnlichen Zeichnungen und noch mehr Sprüchen verziert.
Als ich das Buch öffnen möchte, um zu schauen was in ihm steht, bemerke ich, dass es mit einem Schloss gesichert ist.
Na so was blödes, aber es ist noch ein Beweis dafür, das du eine erbärmliche Schwuchtel bist.
Wer schreibt schon ein Tagebuch außer einer Schwuchtel oder einem Mädchen? Okay, ich weiß nicht, ob es ein Tagebuch ist, aber ich nehme es doch schwer an, warum sollte es den sonst ein Schloss haben?

Plötzlich schreckt mich etwas lautstark Klingelndes und Vibrierendes aus meiner Hosentasche, aus meinen Gedanken. Ach natürlich mein Handy. Ich zieh es aus meiner übergroßen Baggyhosentasche und schaue auf das Display.
GEORG, steht da.
Einer meiner so genannten Freunde, die mir eigentlich nur auf den Sack gehen.

Genervt heb ich ab: „Ja?... Hi Georg…ja, bei mir ist alles klar… schön bei dir auch…was ich heute noch mache?...ja nö…eigentlich nichts besonderes… In den Skateclub? Oder zum Sprayen? Hmmmm….lass ma überlegen….hmmm… na gut… Wer kommt noch?... Okay Dave, Steven, Timo, Gustav…mhh okay gut der auch ja okay. Solang sich da nich auch der Julian blicken lässt. Ja ja genau…also dann bis nachher. Nee, nich mim Bike ich komm mit dem Auto….okay alles klar, Ciao.“

Nachdem ich aufgelegt habe packe ich alles wieder in deinen Kleiderschrank.
Noch musst du ja nicht merken, dass ich dein Geheimversteck entdeckt habe, das kann später zu einem passenden Augenblick kommen.

In meinem Zimmer packe ich mein Zeug zusammen d.h. Spraydosen und den anderen Kram in meinen Rucksack.
Da es draußen immer noch pisst wie sonst was fahre ich mit meinem Auto zum Skateclub „EXTRA EXTREM“.

Vor dem Laden parke ich und als ich gerade zum Kofferraum gehe um mein Board und den Rucksack zu holen werde ich unsanft angerempelt.
„Sag ma hast du sie noch alle, du Arsch?!“, schreie ich irgend so einen schmuddelig aussehendem Penner hinterher, der schon weiter gerannt ist.
„Wichser!!!“, brüll ich noch, da ist er schon um die nächste Ecke verschwunden.

Gerade als ich mir meinen Rucksack über die Schulter geworfen hab und mir mein Board unter den Arm geklemmt hab, sehe ich ein großes schlankes Mädchen aus einer Nebenstraße kommen. Sie lacht laut und schallend, dabei dreht sie sich, mit ausgebreiteten Armen, immer schneller um die eigene Achse auf der Straße im Regen. Da sie wirklich sehr hübsch und attraktiv aussieht gehe ich die paar Schritte zu ihr, doch als ich kurz vor ihr stehe, bleibt sie mit dem Rücken zu mir stehen und auf einmal fällt sie einfach um. Schnell schmeiße ich mein Zeug auf den Boden und kann sie in letzter Sekunde auffangen.
In meinen Armen lacht sie immer noch weiter und dann kotzt sie mich plötzlich an. Direkt auf MEIN NEUES T-Shirt. -.-
Wieder lacht sie und gluckst mir ein „Upsi“ entgegen.
Moment mal?!
SIE?!
NEIN, nicht sie, denn sie bist ja DU!!!
Angewidert lass ich dich von meinen Armen auf den Boden fallen, auf den regennassen Boden.
„Du bist echt so was von widerlich, Schwuchtel!!“, schreie ich dir in dein blasses Gesicht und betrachte mein voll gekotztes T-Shirt.
„Scheiße ey!! Ich hasse diesen Tag und ich hasse dich“, lass ich jetzt meine ganze angestaute Wut von heute an dir aus.
Verdammt du hast es aber auch verdient. Doch du bist nach dem Versuch dich wieder aufzurichten ohnmächtig geworden.
„Verdammter Pisser!! Jetzt hör mir gefälligst zu, wenn ich mit dir rede! Ey HALLO?! Du bist echt so was von erbärmlich, Schwuchtel. … Waah ey nee!!!“
Stinksauer kick ich dir in den Bauch und halb in die Seite.
Du öffnest deine Augen leicht und erbrichst dich erneut, mitten auf den Bordstein. Ich blicke angewidert und verächtlich auf dich herab. Wie ein kümmerlicher kleiner Wurm krümmst du dich auf der Straße und zitterst vor Erschöpfung.
Leise wimmerst du ein „Tom“, dann wirst du wieder bewusstlos und bleibst am Rand des Gehwegs liegen.
Pah, so was Erbärmliches! Ich werfe einen letzten Blich auf dich und wende mich dann von dir ab um noch mal an den Kofferraum zu gehen.
Ich muss mir ja schließlich ein frisches T-Shirt anziehen, mein anders hast du ja erfolgreich voll gereihert. Ausnahmsweise, und das ist wirklich auch nur ein glücklicher Zufall, hab ich noch eine Einkaufstüte mit einem Frischen dabei.

Vor dem geöffneten Kofferraum ziehe ich mein altes Shirt aus und suche mit nacktem Oberkörper das andere. Auf meinem Rücken spüre ich die Blicke einer Person die mich genau unter Betracht nimmt und beobachtet.
Bist du das etwa du kleine Vollschwuchtel?!
Bist du echt so notgeil, dass du deinem eigenen Bruder beim Umziehen zu schauen musst?!

Wütend und gleichzeitig auch genervt, vor allem aber vorbereitet dir noch einen Tritt zu verpassen und diesmal einen festeren, damit du daraus auch mal was lernst, drehe ich mich um.
„Du klei…“, stocke ich mitten im Satz. Vor mir steht Cindy, die süße Chicka von der letzten Party.
„Hey Tom“, säuselt sie und kommt näher auf mich zu.
„oh…ähm…Hi Cindy“, stottere ich voll aus dem Konzept geraten. (Man sieht die heute wieder heiß aus).
„Du kleine was? Was wolltest du den unanständiges sagen?“, fragt sie mich verführerisch grinsend und streicht mir mit ihrer kühlen Hand über meine Brust. „Du kleine…ähm“, ich ziehe sie in meine Arme
„Du kleine süße Maus. Du schaffst es immer wieder mich total aus der Fassung zu bringen.“
Improvisation lag mir schon immer.
Cindy kichert leise und ich küsse sie. Als wir uns wieder von einander lösen, kommt eine fiese Windböe die mich frösteln lässt.
„Zieh dir lieber was an Süßer. Sonst erkältest du dich noch.“, bemuttert mich Cindy und ich befolge ihren Rat.
Mit Cindy im Arm, meinem Rucksack und meinem Board mach ich mich in den Club rein.
Endlich.
Ich verzichte auf jeden Blick zu dir.
Sollst du da draußen doch verrecken.
Bockt mich doch net.


Cindy führt mich zu unserem Stammtisch, direkt an der Pipe, in einer kleinen Nische, wo all meine Kumpels plus weibliche Anhängsel schon sitzen.
„Hey Leute! Aufgepasst unser lieber Tom hat es doch noch geschafft hierher zu kommen. Jo Junge, was geht? Alles klar bei dir?“, begrüßt mich Georg lautstark.
Er ist wohl so was in der Art wie ein „bester Freund“.
Zumindest behauptet er das von mir und für andere sieht das glaub ich auch so aus. Ob ich ihn wirklich als „den besten Freund schlecht hin“ bezeichnen würde, bezweifle ich.
Er ist mir eigentlich genauso egal wie alle anderen meiner so genannten Freunde.

„Sicher, sicher. Bei mir ist wie immer alles Fit im Schritt“, witzel ich gespielt fröhlich rum und greife mir in den Schritt.
Alle lachen laut.
Ich glaub, ich bin für die so was wie der Mittelpunkt der Clique, oder zumindest fühlt es sich immer so an.
Egal was ich mache, ich ernte immer Applaus und Nachahmung, von den anderen. „Korrekt man!“, pflichtet mir Daniel bei.
Daniel ist ein so genannter „weißer Kiffer“.
Auf deutsch: Bob Marley ist und beleibt sein größtes Vorbild und er amt ihn in allen weisen nach, d.h. ohne Joint gibt’s Daniel nicht.
Genauso wie heute…

Ich ziehe Cindy auf meinen Schoß und trinke erst mal n Glas Cola.
Dann fängt Cindy an mich zu küssen und zu streicheln.
Die anderen haben mit so was kein Problem, sie hocken ja schließlich mit ihren Anhängseln genauso da.
Das kümmert keinen was ich da mit Cindy mache.
Ich erwidere ihren Kuss und fahre ihr mit meiner Hand vorsichtig unter ihr T-Shirt. Wie ich da so mit ihr rummache, drängst du dich auf einmal in meine Gedankengänge.

Ich sehe dich vor meinem inneren Auge, wie du wieder laut lachend über eine Straße torkelst, als plötzlich aus dem Hintergrund ein großes Auto kommt, dass mit voll Speed auf dich zu fährt und…. BOUM!!!!
Erschreckt öffne ich die Augen und springe von meinem Stuhl auf, wobei Cindy mitgerissen wird, aber nicht hinfällt und unsre Kuss endet abrupt.
„Ey, was gehtn jetzt Tom?!“, schnauzt sie mich empört an.
„Ich…ich komm gleich wieder, wart mal kurz hier“, bitte ich sie und renne in Richtung Ausgangstür.
„Was hat den denn gestochen?“, höre ich nur noch irgend so einen Idioten von unserem Tisch und dann bin ich auch schon auf dem winzigen Parkplatz vor dem Club.
Hecktisch und mit panischen Blick suche ich die Straße nach dir ab, ob du vielleicht irgendwo verletzt liegst.
Aber nichts.
Ich kann dich nicht finden.
Bist du schon im Krankenhaus oder....
Oder schon tot?
„Nein“, flüstere ich leise, „Nein, das kann doch nicht sein!“
Haben meine Gedanken mir etwa einen Streich gespielt, der so real war, dass ich sogar vergessen hab dich zu hassen und dich zu verabscheuen und mir stattdessen Sorgen um dich gemacht hab und deine Schmerzen mitgefühlt hab?
Mir entfährt ein leises Lachen, dass immer lauter und gehässiger wird.

„Tom, du bist verrückt“, mein ich zu mir selbst.
„Ey wie blöd bist du eigentlich?!“, lach ich weiter und komm mir in dem Moment echt so was von bescheuert vor, dass ich auf den Schreck erst mal eine Rauchen muss.
Lachend geh ich zu den Anderen zurück in den Club.
„Hey Tom?! Was war das den eben?“, nörgelt Cindy beleidigt spielend rum.
„Ach hab vergessen das Auto abzuschließen“, mein ich gleichgültig.
Mir ist irgendwie die Lust am Kuscheln vergangen.
Ich schnappe mir mein Board und frag in die Runde: “Na, noch einer Bock auf n paar Sprünge?“
„Jup, ich bin dabei“, kommt es von Timo, dem Jüngsten in unserer Rund.
„Zeigst du mir n paar neue Tricks?“, fragt er vorsichtig aber mit leuchtenden Augen. Ich nicke, schließlich sollte ein Meister seine Künste weiter geben, und gehe mit ihm und einigen anderen zur Pipe.
Wir skaten ne Weile, machen uns über die Looser, dies nicht können lustig, tauschen Tricks und Skatnews aus.

Aber du gehst mir irgendwie nicht aus dem Kopf.
Ständig hab ich das Bild von dir im Kopf, wie du mit dem Auto zusammen stößt. Dein vorher so strahlendes, lachendes Gesicht ist plötzlich von Schmerz, Angst und Hilflosigkeit verzerrt.
Dein hilfesuchendender Blick den du mir verzweifelt zu zuwerfen versuchst, brennt sich in meine Gedanken ein.
Nach dem Skaten, als wir alle wieder um den Tisch sitzen, rauchen und quatschen, und ich mich wieder mit Cindy vertragen habe oder sagen wir es so sie hat sich wieder beruhigt und gemerkt was sie an mir hat, kommt der Clubbesitzer zu uns.

„Ja, Jungs und Mädels, wie geht’s euch so?“, begrüßt er uns grinsend wie immer. Zustimmendes Gemurmel und einige begrüßende Kommentare. „Ah, Tom! Gut das ich dich hier treffe. Ich hab ein neues Projekt am laufen, oder sagen wir es so…. ähm also du hast ja die Halle hier schon mit einigen deine Graffitis verschönert, ne? Naja und jetzt gibt es nicht ein paar kahle leere Wände, die nur so danach schreien, dass du an ihnen deine Kreativität, auslässt. Und ums kurz zu machen… Äh… Hast du vielleicht Bock deiner Fantasie freien Lauf zu lassen und auch nicht diese Wände an zu sprayen?“, fragt er weit ausholend.
„Öhm, klar! Wir sind doch Kumpels, DJ. Ich fang sogar gleich an wenn du willst.“, sag ich gelassen und schlag ihm ein.
„Cool, ja dass ist wirklich…äh…cool, Tom. Danke, da haste mal wieder was gut bei mir.“, meint er glücklich und erleichtert zugleich.
Also, nehme ich mein Zeug und folge ihm. Aber vorher verabschiede ich mich noch von meinen „Freunden“.

DJ, eigentlich DJ Daddy, mag ich wirklich gern.
Ich kenn ihn schon ewig und er hat mir damals das Skaten, Sprayen, BMX fahren sowie das Gitarre spielen beigebracht.
Er ist einer der wenigen Menschen, der mich so annimmt wie ich bin und der mich versteht und deshalb ist er wohl einer der wenigen Leute dir mir etwas bedeuten und für die ich alle tun würde.
Nur eins stört mich an ihm, sein komischer Nickname, der überhaupt nicht zu ihm passt: DJ Daddy (klingt fast wie DJ Bobo…*arrg*).
Ist aber immer noch besser als Moses, wie sein richtiger Name lautet….ich mein gläubig ist er ganz bestimmt nicht^^.

Nachdem DJ mir die zu besprayenden Wände gezeigt hat, packe ich all meine Spray-Utensilien aus und natürlich auch mein Blackbook.
Jeder gute Sprayer hat so ein Buch, in dem er seine Entwürfe festhalten kann.
Ich betrachte die kahle Wand und blättere dann durch mein Book um ein geeignetes Motiv für diese Wand zu finden.
Aber keins gefällt mir so gut, als das es hier richtig aufgehoben wäre und seine ganze Wirkung entfalten zu könnte.
Doch plötzlich segelt ein loses Blatt aus meinem Buch, direkt vor die Wand.

Ich hebe es auf und betrachte es lange.
Ich hab es schon vor Ewigkeiten gemalt…..
Genau an dem Tag als du mir gesagt hast, dass du dich in mich verliebt hast.
Ich hab es „Ein stummer Schrei nach Liebe“ genannt, wie eine Songzeile aus einem Lied von den Ärzten.
Es passt perfekt zu dieser Wand, die so kahl, kalt und einsam aussieht. Sie sieht aus als würde sie wirklich nach Liebe schreien.
Nach Liebe dir mir so fehlt.
Doch ich werde ihr Liebe geben…
Zumindest durch Farbe.

Ich zücke meine Spraydose für die Konturen, setze das richtige Ventil auf und fange an.
Das Motiv ist total untypisch für mich, aber damals hat es genau meinen Emotionen entsprochen.
Die Skizze zeigt ein leicht eckiges Herz, das ein bisschen schief aussieht.
In dem Herz steht mit genauso eckigen schiefen Buchstaben „Ein stummer Schrei nach Liebe“.
Das Herz selbst wird von unten von Flammen aufgefressen.
An den Seiten ist das Herz eingerissen, als würde es vor Schmerzen bald zerbersten.

Ja, es hat damals wirklich sehr gut meine Gefühle wieder gespiegelt ….
Normalerweise würde ich so ein Bild niemals an eine öffentliche Wand sprayen, aber diese Wand befindet sich ganz hinten im Club, wo sich höchstens mal ein paar Pärchen treffen um ungestört miteinander rummachen zu können. Und da passt das Motiv, in das man durchaus auch andere Dinge hinein interpretieren kann gut ihn, oder nicht?

Ich spraye gedankenverloren weiter, bis meine Gedanken wieder abschweifen….
Zu dir.
Verdammt ich muss den ganzen Tag schon an dich denken, was ist den bloß los mit mir?
Du gehst mir im Moment nicht mehr aus dem Kopf, was fällt dir eigentlich ein, hä? Ich spüre genau, dass du gerade intensiv an mich denkst, du willst nur das ich zu dir komme, aber pah vergiss es, dann hast du dich aber geschnitten wenn du denkst dass ich zu dir gehe!!!
Außerdem, ich weiß überhaupt nicht wo du gerade bist!
Ich zeichne die Konturen meines neuen Projektes fertig und setze gerade ein anderes Ventil für eine neue Farbe auf, als mich plötzlich ein höllischer Schmerz durchzuckt. „Woah, was geht n jetzt?!“, rutscht es mir raus und ich halte mir meinen krämpfedurchzuckenden Bauch und beuge mich leicht vor um den Schmerz zu mildern.

Wir sind zwar Zwillinge, aber dass du mir mit deinen Gedanken solche Schmerzen zufügen kannst hätte ich nicht gedacht.
Du kleine erbärmliche Schwuchtel, du kannst dich auch nur geistig gegen mich wehren, weil du weißt, dass das meine Schwachpunkt ist.
Anstatt dich mit männlicher Muskelkraft zu wehren, wie sich das gehört.

Nachdem sich der Schmerz erst einmal etwas gelegt hat versuche ich tapfer weiter zumachen, doch die Krämpfe werden immer stärker.
Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen, so eine Demütigung von dir, von einer verfickten Schwuchtel wie dir. Pah, dir werd ich’s zeigen, Brüderchen!
Ich packe meine Sachen wieder zusammen und mach mich auf den Weg um dich zu suchen, nach draußen.

Mein Auto steht direkt vor dem Club, deshalb sehe ich dich auch direkt als ich raus komme. Du liegst auf der Beifahrerseite des Autos auf dem Boden, halb auf dem Bauch und ausgestreckt.
Grinsend komme ich näher zu dir und werfe erst einmal mein Zeug in den Kofferraum.
Dann hock ich mich neben dich und dreh dich auf den Rücken um dir in dein blasses ausgemergeltes Gesicht zu schauen.
Keine Ahnung was du gemacht hast, aber du hast einige Kratzer und Schrammen in deinem Gesicht.
Vom Regen, der vor hin war, sind deine Kleider noch ganz nass und auch deine Haare kleben dir regennass in deinem Gesicht. Wie ich dich so vor mir sehe, steigt wieder Wut in mir auf: „Na Schwuchtel? Hast du jetzt dein Ziel erreicht? Wegen deinen scheiß Terrorgedanken musste ich aufhören zu sprayen! Weißt du eigentlich was das jetzt bedeutet, wenn ich mitten in einem neuen Projekt aufhören muss, du Wichser? Das bedeutet wegen dir muss ich extra noch mal herfahren und alles verzögert sich!! Hallo Junge?!“ Bist du überhaupt wach?“
Keine Reaktion, deinerseits.
Ey, da kriegt man doch nen Anfall bei do was, was du immer fürn Scheiß abziehst.

Genervt steh ich auf und kicke dir relativ sachte gegen dein Bein und hoffe jetzt wenigstens auf eine Reaktion von dir.
Aber immer noch nichts. Na gut, auf die sanfte Art willst du es also nicht.
Ich kicke dich noch einmal an, doch dieses Mal hole ich viel Schwung und nehme meine ganze Kraft die ich im Moment für dich aufbringen will.
Mein Fuß trifft mit einem stumpfen Schlag dein verflixtes Bein.
Haha, das gibt bestimmt n schönen Blauenfleck.
Aber von dir gibt es leider immer noch nicht die gewünschte Reaktion, die ich mir von diesem Zug erhofft hatte.
Ausschließlich deine Augenlieder zucken leicht, wie als würdest du dich durch ringen deine Augen zu öffnen.
Dir entweicht ein leiser Seufzer, der bei mir eine Gänsehaut auslöst und sich bei dir anhört wie als wärst du gerade beim Aufwachen.
Hallo? Bist du etwa ohnmächtig, du Mädel? LOL.
Langsam bin ich so geladen, das ich schon wieder Gewaltfantasien gegen dich hege.

„Also Verdammt noch mal! Jetzt reichts mir aber, du Trottel! Du kommst jetzt sofort von diesem scheiß Boden hoch und zwar bei drei bist du oben, sonst setzt’s was, verstanden?!“, schrei ich dich wütend an.
„EINS“, keine Reaktion von dir
„ZWEI, na wird’s bald!“ aber immer noch nichts von dir.
„Na gut, du willst es ja nicht anders DREI!“, brüll ich dich an und reiße dich an deine knochigen Schultern in die Höhe und drücke dich fest gegen die Autoseite.
Da du mich immer noch ignorierst scheuert ich dir mit voller Wut eine.
Doch diese Ohrfeige ist so hart, dass dein Kopf zu Seite schleudert und deine Lippe blutend aufspringt.
„Lass dir das eine Lehre sein! Du hast mich nicht zu ignorieren, klar?!“, schimpfe ich. Du drehst langsam und unter größter Mühe schwach deinen Kopf in meine Richtung.
Deine Augen sind nur einen Spalt weit geöffnet und blitzen mich durch deine Haare trübe an.

Gerade will ich mich beschweren, dass du mir nicht antwortest, da übergibst du dich ein weiteres mal an diesem Tag.
In letzter Sekunde kann ich noch weg springen, sonst wäre das schon das zweite Mal an diesem Tag gewesen an dem du mich angekotzt hättest.
„Mann ey! Kannst du mich nicht vorwarnen?! Ey das ist ja ma so widerlich, reicht es dir nicht das du mich vorhin schon angereihert hast?!“, motz ich dich an.
Doch du lehnst nur erschöpft und schlaff an meinem Auto, mit dem Kopf leicht in den Nacken gelegt.

„Tschuldigung“, murmelst du leise.
„Was? Ich kann dich nicht hören! Du musst schon lauter sprechen, wenn du willst das ich dich versteh!“, grinse ich ironisch und freu mich innerlich das ich wieder etwas gefunden habe mit dem ich dich ärgern und demütigen kann, nicht das ich das nicht verstanden hätte, was du mir gesagt hast.
„Es tut mir leid, Tom“, sagst du mir mit zitternder Stimme und immer noch sehr erschöpft, aber lauter.
Aber wie du meinen Namen aussprichst lässt mir einen Schauer über den Rücken laufen.

„Ey verdammt Junge, was hast du heute wieder für ne Scheiße gefressen, wenn du die ganze Zeit kotzen muss?!“, halte ich dir grinsend eine Standpauke.
„So und jetzt mach da ma Platz, ich will nach Hause fahren“, ich stoße dich leicht an das du von meinem Auto weg gehst.
Du schaust mich verzweifelt und mit gequälten Blich an: „Du Tom… Tom kannst du mich bitte mit nach Hause nehmen?“

Dein Blick ist genau derselbe wie den, den du in der Vision, die ich vorhin hatte, an, als du vor das Auto gelaufen bist.
Ich zögere.
Wenn ich dich hier lasse verreckst du wahrscheinlich, nicht das mich das sonderlich stören würde, allerdings würde unsere Mum mich dann umbringen und ich hätte dann ja nichts mehr zu quälen.
Aber andererseits würde ich mich dann unmenschlich weit zu dir herab lassen, was eigentlich unter meiner Würde und meine m Stolz liegt.

Dein bescheuerter Schwuchtelblick ist aber so kläglich, dass ich gar nicht anders kann, als dir den Gefallen zu gewähren.
„Damit das klar ist, Schwuchtel. Ich mach dass jetzt nicht, weil du mir Leid tust oder weil ich an dir gefallen finde, sondern weil ich hoffe, dass ich noch meinen Spaß an deinem Leiden hab, zu Hause.“, grinse ich fies und versuche mein Zögern zu verbergen.
Den letzten Satz scheinst du nicht gehört zu haben, denn du fällst mit um den Hals und quiekst beglückt und siegessicher: „Bor danke Tom. Wenn man dich braucht ist doch noch immer Verlass auf dich…Danke!!!“
„Wähbäh….Hau ab, ist ja gut uns jetzt steig ein ich will endlich Heim.
Aber vorher wisch dir das Blut aus dem Gesicht ich will nicht das du hier irgendwas dreckig machst. Und wehe du kotzt mir in die Karre dann gibt’s echt Stress. Und noch was…. Das bleibt unter uns, verstanden?!!“, ermahne ich dich und pflanze mich hinters Steuer.

Viel kraftvoller, als du vorher warst, lässt du dich auf den Beifahrersitz fallen und grinst glücklich vor dich hin.
Bevor ich de Motor starte schau ich dich noch einmal böse an: „Ich hab noch was vergessen… Grins nicht so dämlich, klar!! Ich kann es nicht ab wenn du glücklich bist, auch wenn es nur für einen kurzen Augenblick ist.“

Enttäuscht und gekränkt wendest du dich ab und schaust traurig aus dem Fenster, während ich das Auto vom Parkplatz bugsiere und in Richtung Heimat fahre...







-* Kapitel 3 *-




Ich spüre den harten, nassen Boden unter mir und vernehme deine Stimme, jedoch verstehe ich nicht richtig was du sagst, denn es ist als hätte ich Watte in den Ohren.
Deine Stimme ist so gedämpft...
Doch mit jedem Wort , dass du sagst, wird deine Stimme wieder lauter und deutlicher.

Den Anfang deines Satzes hab ich nicht verstanden, alles was ich noch höre ist: „Du bist so erbärmlich... Waah ey nee!!!“
Dann merke ich, wie du mir in den Bauch und halb in die Seite trittst, was komischerweise gar nich mal so weht tut wie sonst.
Das Einzige was dein Tritt bei mir auslöst, ist eine neue Welle Übelkeit.

Ganz leicht öffne ich meine Augen um dich anzuschauen, doch die Übelkeit ist erneut so stark, dass ich mich ein weiteres Mal erbrechen muss.
Der bittere Geschmack des Erbrochenen macht sie in meinem Mund breit und mein Körper beginnt zu zittern.

Mal abgesehen von deinem Tritt, was is denn nur los mit mir?
Obwohl ich körperlich wohl gerade ein Wrack zu seien scheine, da mein Körper unkontrolliert zittert und ich mich ständig übergeben muss, fühle ich mich seelisch ziemlich schlecht und auch die körperlichen Schmerzen, besonders die deines Trittes spüre ich kaum.
Was hat der Alte mir da bloß gespritzt?!

Du musst mir helfen, Tom.
Alleine wird ich’s wohl nicht nach Hause schaffen.
Ich werfe dir einen hilfesuchenden, fast schon flehenden Blick zu, doch du betrachtest mich nur angewidert und verächtlich.
Bitte hilf mir!
Irgendwas stimmt mit mir nich, aber mehr als ein leises, wimmerndes „Tom“, bringe ich im Moment nich zu Stande.

Vor Erschöpfung, die langsam meinem Körper heimsucht, schließe ich meine Augen, versuche meinen Körper zu beruhigen, aufhören zu zittern, doch ich scheine kaum mehr Kontrolle über meinen Körper zu haben, denn ich höre nicht auf, stattdessen wird das Zittern immer mehr.

Ich öffne meine Augen also wieder, um dich ein weiteres Mal um Hilfe zu bitten,
doch du bist weg.
Einfach weg.
Lässt mich hier liegen.
Ganz allein.
Eine Welle der Enttäuschung durchflutet mich.
Was habe ich denn auch erwartet?
Dass du mir wirklich hilfst?
Wie naiv ich doch bin.

Behutsam versuche ich mich an der nächstliegenden Hauswand aufzurichten,
was mir nach einiger Zeit sogar gelingt.
Ich laufe, mit immer noch zitternden Knien ein paar Schritte an der Wand entlang und dann plötzlich sehe ich dich.
Du bist also doch noch da.

Mit nacktem Oberkörper stehst du vorm offenen Kofferraum unseres Autos, was du natürlich als das Deine bezeichnest, obwohl Mum und Gordon uns beiden das Auto zum 18ten geschenkt haben.
Anscheinend ziemlich angepisst suchst du nach einem neuen T-Shirt, da ich dir deins ja eben vollgekotzt habe.
Ich kann nicht anders und werfe dir verstohlene Blicke zu, mustere ganz intensiv deine nackte Haut.

Du hast wirklichen einen tollen Oberkörper, zwar bist du dünn, sehr dünn, aber bei dir sieht das sogar ziemlich, was red ich, verdammt gut aus, ganz anders als bei mir..
Wo man bei mir nur noch Knochen sieht, sind bei dir Muskeln, zwar nicht viele, denn du bist bestimmt kein Muskelpaket, aber du hast welche, die deinem Oberkörper eine wunderschöne Form geben.
Du bist einfach wunderschön, wie gerne würde ich dir jetzt mit meinen Fingernägeln über den Oberkörper fahren.
Deine nackte, wohl geformte Brust einfach nur berühren.
Dir über deine warme, weiche Haut streicheln.
Aber all das wird mir verboten bleiben...

Wieder Mal muss ich schwer schlucken und würde mich am Liebsten schon wieder für meine Gedanken bestrafen..
Doch da is dieses billig wirkende Mädchen, was genau auf dich zu geht.
Was will die von dir?

Als du sie bemerkst, drehst du dich ruckartig um, sagst irgendwas zu ihr und schließlich küsst du sie, was mir erneut Tränen in die Augen treibt.
Ich kann es einfach nicht ertragen dich mit einem Mädchen zu sehen, einem Mädchen, dass dir eigentlich überhaupt nichts bedeutet, ihr aber trotzdem mehr Liebe schenkst als mir...

Nachdem du dich von ihr löst, ziehst du dir ein frisches T-Shirt über und verschwindest mit ihr aus meinem Blickfeld.

Enttäuscht und verletzt lehne ich mein Gesicht gegen die Wand.
Schon wieder geben meine Beine meinem Gewicht nach und ich rutsche unsanft an der Wand gen Boden, wobei mein Gesicht an der harten Betonwand entlang kratzt.

Flach und schwer atmend liege ich auf dem nassen Boden und fahre mir vorsichtig mit den Fingerspitzen über meine zerkratzte Wange.
Lange betracht ich das frische, dunkle Blut an meinen Fingern.
Blut, dass ich in letzter Zeit so oft gesehen habe...
Nur wegen dir...

Kraftlos lasse ich nun auch meine Hand sinken und lege sie ebenfalls flach auf den kalten Boden.

Ich sollte versuchen ein bisschen Kraft zu sammeln um dann nach Hause gehen zu können, denn von dir bekomme ich keine Hilfe, dass hast du mir ja eben gezeigt.
Langsam schließe ich meine Augen.
Auch nur ganz kurz, ich wird sie gleich wieder öffnen .
Doch daraus wird nichts, denn ich schaffe es nicht, ich schaffe es einfach nicht meine Augen wieder zu öffnen.

Alles ist schwarz.
Ich höre ein Lachen und stelle fest, dass es mein Eigenes ist.
Ich laufe lachend über eine Straße.
Na gut, laufen kann man das nicht nenn, eher torkel ich.
Was ist das?
Zwei Lichter kommen mir entgegen.
Zwei strahlend helle Lichter.
Zu spät bemerke ich von wem die Lichter stammen.
Es sind Autoscheinwerfer.
Und das dazugehörige Auto rast mit Vollgas auf mich zu.
Meine Augen, die eben noch durch mein Lachen gestrahlt haben müssen, reiße ich weit und angsterfüllt auf.
Ich kann nichts tun, es ist schon zu spät.

Erschreckt reiße ich meine Augen wieder auf.
Was war denn das?!
Dieser Traum war so real, dass mein Körper noch immer vor Angst zittert und ich schnell und stoßweise atme.

Ich muss hier endlich weg!
Immer noch kraftlos und mit zitternden Armen stemme ich mich vom Boden ab und richte mich langsam wieder auf.
Eine Hand stemme ich gegen die Wand, nur zur Vorsicht, dass ich nicht wieder umkippe.
Zitternd laufe ich ein paar Meter als ich dich entdecke.

Du stehst mit blassem Gesicht vor deinem Lieblingsclub „Extra Extrem“ .
Mit hektischen Blicken sucht du die Gegend ab, doch du scheinst das was du suchst nicht zu finden.
Mich siehst du nicht, da ich in einem Winkel stehe, indem du mich einfach nicht sehen kannst.

Ob ich zu dir gehen soll?
Ich will gerade auf dich zu gehen, als du wie blöd zu lachen beginnst.
Dein Lachen wird immer lauter und nach kurzer Zeit verschwindest du im Club.

Was is denn mit dir los?
Sonst bist du doch auch nicht so verwirrt, panisch und hysterisch.

Ich merke wie meine Beine schon wieder gefährlich zu zittern beginnen, schnell versuche ich ein paar Schritte zulaufen, doch bald beginne ich zu stolpern und nur einige Meter später liege ich wieder auf dem Boden.

Verdammt!
So wird ich bestimmt nich nach Hause kommen, außer ich krieche, aber dafür fühle ich mich auch zu schwach.
Ich überlege einen Moment was ich jetzt machen soll, als mir die Idee kommt, dass du mich vielleicht mit nach Hause nehmen könntest.

Langsam stemme ich mich wieder auf und krabbele mit zitternden Armen und Beinen zum Auto und lasse mich dort neben der Beifahrertür wieder auf den Boden fallen.
Eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass du mich nicht mitnehmen willst, dafür ist dein Hass mir gegenüber viel zu stark.
Aber ich muss es jedenfalls versuchen und vielleicht, wenn ich ganz viel Glück hab und du gute Laune, vielleicht nimmst du mich dann mit...

Als ich die Augen schließe habe ich plötzlich das Bild von ungefähr einem Jahr vor mir...
An diesem Tag, wo ich mein Leben zerstört hab...
Wo ich dir gesagt habe, dass ich dich Liebe...
Wie schnell sich deine Miene verändert hat...
Erst sahst du so fröhlich aus und plötzlich warst du verwirrt, vielleicht auch einfach nur angeekelt.
Du hast mich gefragt, ob ich das jetz ernst meinen würde und das der Scherz ziemlich schlecht gewesen wäre...
Doch dann liefen mir die Tränen übers Gesicht und du wusstest, dass ich es jedes Wort ernst gemeint hab.
Du warst so geschockt, meintest du müsstest nachdenken und hast mich rausgeworfen...
Seitdem hast du nie wieder normal mit mir geredet...
Ich frage mich immer wieder, an was du damals wohl gedacht hast, ob da gleich der Hass war? Oder ob du über was ganz anderes nachgedacht hast?
Immer wieder sehe ich dein in dem Moment so verwundertes Gesicht...
Oh ja, für dich ist damals eine Welt zusammen gebrochen...
Aber nicht nur für dich.. Für mich genauso...
Hätte ich es dir doch nie gesagt...
Dann müsste jetz nur ich leiden und ich würde dich nicht mit meinen beschissenen Gefühlen belästigen.

Ich weiß wie sehr es dich immer quält, wenn ich an meine Liebe zu dir denke, wenn ich an diesen einen Tag denke...
Ich weiß, dass es dir seelische Schmerzen zufügt, ob es jetz wieder so ist?

Ich kann nicht aufhören an dich zu denken...
Immer wieder sehe ich dein wunderschönes Gesicht vor mit, immer wieder wünsche ich mir dich berühren zudürfen...
Und immer wieder wird mir bewusst, dass ich es nich darf, dass ich es auch nie dürfen werde, nie...

Plötzlich merke ich wie mich jemand auf den Rücken dreht und obwohl ich de Augen geschlossen hab, weiß ich, dass du es bist.
„Na Schwuchtel? Hast du jetzt dein Ziel erreicht? Wegen deinen scheiß Terrorgedanken musste ich aufhören zu sprayen! Weißt du eigentlich was das jetzt bedeutet, wenn ich mitten in einem neuen Projekt aufhören muss, du Wichser? Das bedeutet wegen dir muss ich extra noch mal herfahren und alles verzögert sich!! Hallo Junge?!“, schreist du mich auch schon an.

Du bist eindeutig wütend.
Also haben meine Gedanken dich doch wieder gequält...
Schon jetz tut mir das wieder furchtbar Leid, ich hätte nie gedacht, dass Gedanken dich so quälen können, aber vielleicht bist du ja auch aus einem anderen Grund so sauer...

Da ich keine Reaktion auf deine Gebrülle zeige kickst du mir sogar noch ziemlich leicht gegen mein Bein, doch auch darauf reagiere ich nicht.
Das ich keine Reaktion zeige scheint dich jedoch nur noch wütender zu machen und
So trittst du mir so fest du kannst gegen mein Bein.
Würde ich mich jetzt nich so furchtbar kraftlos fühlen würde ich mir wohl schreiend das Bein halten.
Ich versuche meine Augen zu öffnen, was in einem kurzen Zucken meiner Augenlider endet.
Ein kurzes und leises Seufzen entfährt mir
Die Grenze deiner Geduld ist jetz anscheinend ganz und gar überschritten, denn du brüllst mich wütend an: „Also Verdammt noch mal! Jetzt reichts mir aber, du Trottel! Du kommst jetzt sofort von diesem scheiß Boden hoch und zwar bei drei bist du oben, sonst setzt’s was, verstanden?!“

Normalerweise würde ich ja jetz aufstehen, um dich nicht noch wütender zu machen, als du es ohnehin schon bist.
Doch meine Arme und Beine sind wie gelähmt.

„EINS“, höre ich deine Stimmt
Doch noch immer kann ich mich nicht bewegen.
„ZWEI, na wird’s bald!“
Keine Reaktion meinerseits, ich kann einfach nicht.
„Na gut, du willst es ja nicht anders DREI!“, brüllst du.
Schnell packst du mich an meinen Schultern, reißt mich an ihnen in die Höhe und drückst mich gegen das Auto.
Ich habe Angst vor dem was du jetzt mit mir machst, doch ich schaffe es ja nicht mal meine Augen zu öffnen um die um Verzeihung zu bitten.
Die Konsequenz darauf folgt sofort, indem du mir eine scheuerst und das so hart, dass mein Kopf zur Seite fliegt und meine Lippe aufplatzt und somit zu bluten beginnt.

Der bittere Geschmack meines Blutes verbreitet sich schnell in meinem Mund verbreitet sich schnell, was mich erneut würgen lässt, es jedoch nicht so weit kommt, dass ich mich ein weiteres Mal übergeben muss...

Ich schaffe es dann aber doch meine Augen einen Spalt weit zu öffnen.
Durch meine Haare, die mir vom Regen im Gesicht kleben, schaue ich dich an.

Meine Unterlippe so stark, dass ich immer wen ich schlucke, Blut schlucke.
Und der fast schon metallische Geschmack des Blutes gibt mir dann letztendlich doch den Rest und schon wieder muss ich mich übergeben.
Du springst im letzten Moment noch weg, sonst hätte ich dich wohl zum zweiten Mal an diesem Tag angekotzt.

„Mann ey! Kannst du mich nicht vorwarnen?! Ey das ist ja ma so widerlich, reicht es dir nicht das du mich vorhin schon angereihert hast?!“, motzt du wütend.
Ich lehne schwach und erschöpft am Auto.
Den Kopf hab ich in den Nacken gelegt.

„Tschuldigung“, flüstere ich.
„Was? Ich kann dich nicht hören! Du musst schon lauter sprechen, wenn du willst das ich dich versteh!“, meinst du grinsend und der ironische Unterton in deiner Stimme is nicht zu überhören.
Ich sammel etwas Kraft und sage dann etwas lauer: „Es tut mir leid, Tom“, auch wenn ich genau weiß, dass du mich auch schon eben verstanden hast.
„Ey verdammt Junge, was hast du heute wieder für ne Scheiße gefressen, wenn du die ganze Zeit kotzen muss?!“, sagst du grinsend.
Ich weiß, dass du darauf keine Antwort erwartest, deshalb schweige ich.

„So und jetzt mach da ma Platz, ich will nach Hause fahren“, meinst du und stößt mich leicht vom Auto weg.
Mit verzweifeltem Blick schaue ich dich an.
„Du Tom… Tom kannst du mich bitte mit nach Hause nehmen?“ , frage ich zaghaft.
Ich merke wie du zögerst.
Du denkst nach.
Ich bete innerlich, dass du jetzt nicht „Nein“ sagst.
Ich versuche meinen Blick noch kläglicher zu machen.
Los Tom!
Hab doch endlich mal ein kleines bisschen Mitleid mit mir und nehm mich mit.

Du scheinst einen Entschluss gefasst zu haben, denn du schaust mich ernst an.


„Damit das klar ist, Schwuchtel. Ich mach dass jetzt nicht, weil du mir Leid tust oder weil ich an dir gefallen finde, sondern weil ich hoffe, dass ich noch meinen Spaß an deinem Leiden hab, zu Hause“
Ich kann das nich glauben!
DU nimmst MICH wirklich mit?
Glücklich falle ich dir um den Hals
„Boar danke Tom. Wenn man dich braucht ist doch noch immer Verlass auf dich…Danke!!!“
Ein erleichtertes und vielleicht auch ein bisschen siegessicheres Grinsen kann ich mir nicht verkneifen.
„Wähbäh….Hau ab, ist ja gut uns jetzt steig ein ich will endlich Heim.
Aber vorher wisch dir das Blut aus dem Gesicht ich will nicht das du hier irgendwas dreckig machst. Und wehe du kotzt mir in die Karre dann gibt’s echt Stress. Und noch was…. Das bleibt unter uns, verstanden?!!“, meinst du streng und gehst einmal ums Auto herum um dich hinters Steuer zu setzen.

Mit einer schnellen Handbewegung wische ich mir das Blut von der Lippe, die jedoch immer noch leicht blutet und lasse mich auf den Beifahrersitz fallen.
Ich bin echt glücklich und fühle mich auch schon wieder viel besser.
Bevor du den Motor startest, guckst du mich böse an und raunst: „Ich hab noch was vergessen… Grins nicht so dämlich, klar!! Ich kann es nicht ab wenn du glücklich bist, auch wenn es nur für einen kurzen Augenblick ist.“

War ja klar, dass so was jetz wieder kommen musste.
Und es tut so wahnsinnig weh so etwas von dir zuhören, auch wenn ich mich eigentlich schon längst hätte dran gewöhnen müssen.
Enttäuscht und auch leicht gekrängt schaue ich aus dem Fenster, während du nach Hause fährst.

Die ganze Fahrt über Schweigen wir, was mit irgendwie unangenehm ist.
Dir scheint das jedoch ziemlich egal zu sein, denn du starrst nur auf die Straße.
Ein einziges Mal wendest du deinen Blick von der Straße ab, aber das nur um den Radiosender zu wechseln.

Zu Hause angekommen verschwinde ich sofort in mein Zimmer um weitern Stress mit dir aus dem Weg zu gehen.
Kurze Zeit liege ich einfach nur auf meinem Bett, doch ich fühle mich unwohl, irgendwie schmutzig, deshalb beschließe ich duschen zu gehen, in dem Glauben, dass ich mich danach besser fühle.

Leise schließe ich die Badtür hinter mir.
Der Blick in den Spiegel jagt mir doch einen leichten Schock.
Meine Unterlippe ist angeschwollen und getrocknetes Blut klebt an ihr.
Mein Gesicht ist blass und eingefallen, außerdem zieren rote Schrammen meine rechte Wange.
Meine Schminke ist komplett verlaufen, sodass feine, schwarze Striche mein Gesicht schmücken.
Mein Nagellack ist teilweise abgeblättert und meine Klamotten sind nass und schmutzig.

Vorsichtig streife ich mir meine Kleidung ab und stelle mich unter die Dusche.
Ich genieße das warme Wasser, dass in Form von vielen kleinen und großen Wassertropfen, meinen Körper entlang läuft.

Nach ungefähr 20 Minuten stelle ich das Wasser wieder ab und wickel mir ein Handtuch um die Hüften.
So gehe ich zurück in mein Zimmer als mich plötzlich erneut der Drang überkommt mich selbst zu verletzen.
Dieser Tag war einfach zu verwirrend und demütigend.
Ich brauche einen freien Kopf und den bekomme ich nur, wenn ich mich wieder fühle, was ich jetz gerade nicht tue.

Schnell öffne ich meinen Schrank, schiebe ein paar T-Shirts zur Seite und hole meinen Karton raus.
Ich öffne den Deckel des Kartons und suche nach der Rasierklinge.
Beim Suchen der Rasierklinge fällt mir mein Tagebuch ins Auge.

Langsam hole ich es raus und betrachte es.
Früher, oder besser gesagt, noch vor ein paar Monaten habe ich täglich alle meine Sorgen, Ängste, Wünsche und Hoffnungen reingeschrieben.
Vielleicht sollte ich wieder anfangen rein zu schreiben.
Vielleicht hilft mir das ein bisschen die Täglichen Qualen zu verarbeiten.

Ich laufe zurück ins Bad und suche zwischen meinen dreckigen Klamotten nach der Kette, die ich vorm Duschen abgenommen habe.
Nach ein paar Sekunden hab ich sie dann auch gefunden und betrachte die zwei kleinen, silbernen Schlüssel, die ich an eine einfache Kette gehängt habe.
Diese Kette trage ich normalerweise immer bei mir.

Meine Klamotten werfe ich schließlich in den Wäschekorb und gehe dann zurück in mein Zimmer, die Kette fest in meiner Hand.
Bevor ich mein Tagebuch öffne, ziehe ich mir noch frische Boxershorts an.
Dann stecke ich die Schlüssel in das Schloss, welches an dem Tagebuch hängt.
Das Schloss geht mit einem leisen Klicken auf.
Ich lege das Schloss bei Seite und beginne in dem Buch zu blättern.

Mein letzter Eintrag ist vom 01.09. , Toms und meinem achtzehnten Geburtstag.
Ich nehme mir einen Füller und überlege womit ich anfangen soll, denn es hat sich seitdem doch ziemlich viel verändert.
Schließlich setze ich den Füller auf die nächste freie Seite und beginne zu schreiben:



Seitdem Tom und ich in einer Wohnung leben ist alles schlimmer geworden.
Anfangs dachte ich ja noch, dass es nur besser werden kann, wenn wir zusammen wohnen, nur wir zwei, aber genau das Gegenteil ist eingetreten.
Ich weiß nicht wieso, aber Toms Hass mir gegenüber scheint immer stärker zu werden.
Seine Beleidigungen waren ja schon schlimm genug, aber jetzt, wo er mit mir alleine in einer Wohnung ist, beginnt er immer öfter Gewalt gegen mich anzuwenden.
Irgendwie kann ich dass ja sogar verstehen, denn ich denke, wenn ich mich kennen würde, würde ich das Gleiche tun.
Ich bin schon abscheulich...
Mich wird nie jemand lieben...
Aber ich will j auch gar nicht geliebt werden...
Außer von Tom...
Es ist schon irgendwie krank, egal was Tom mit mir macht, scheiß egal was, meine Liebe zu ihm wird immer stärker und ich weiß, dass ich nie aufhören werde ihn zu lieben...
Wirklich nie...
Tom ist einfach der wundervollste Mensch den ich kenne und er ist auch der einzigste Grund, warum ich überhaupt noch lebe und mein so sinnlosen Leben nicht schon längst beendet habe...
Ich habe mir schon viele Gedanken über Selbstmord gemacht, immer dann wen ich das Gefühl hatte, dass ich nicht mehr genug Kraft habe, dass alles alleine durchzustehen.
Doch entweder war ich zu ängstlich dafür oder ich habe es irgendwie geschafft noch ein bisschen Kraft und Hoffnung zu sammeln.
Vor kurzem habe ich mich mal gefragt, ob mich jemand vermissen würde, wenn ich nicht mehr lebe...
Aber außer Mum ist mir niemand eingefallen.
Schon irgendwie traurig.
Ich frage mich, ob mein Leben noch schlimmer werden kann oder ob es ab jetzt nur noch Bergauf gehen kann, aber momentan scheint es eine gerade Linie knapp über dem Abgrund zu sein, die immer gleich bleibt.
Die Frage ist nur, wann ich in den Abgrund stürze...
Mein Leben scheint so, als würde ich jeden Tag ein bisschen sterben, aber wann sterbe ich ganz?

Ich mache eine kurze Pause, atme tief durch und merke wie einzelne Tränen meine Wangen entlangwandern und schließlich auf das eben beschriebene Papier tropfen.
Ja, mein Leben ist wirklich erbärmlich, wie bewusst mir das doch gerade geworden ist.
Noch einmal atme ich tief durch und schreie dann weiter auf, was mich noch beschäftigt:

Heute bin ich in einer Nebenstraße einem alten Mann begegnet.
Er war der festen Überzeugung, dass er mir helfen kann, mit seinem „Wundermittel“.
Ich weiß nicht, was sein „Wundermittel“ ist, aber es tat wirklich verdammt gut.
Er hat mich nicht angelogen.
Ich war, glaube ich, wirklich mal wieder glücklich.
Ich habe gelacht...
Es war so verrückt...
Mir ist klar, dass ich wieder öfter lachen will und wenn es nur mit Hilfe des „Wundermittels“ geht.
Ich werde diesen Kerl wohl suchen müssen...
Wieder sein Mittel nehmen und jedenfalls für ein paar Momente glücklich sein.
Vielleicht finde ich meinen Lebenswillen wieder.
Vielleicht wird es mir dann endlich wieder besser gehen oder ich werde in den Abgrund stürzen.
Dann ist es endlich vorbei...
Zu verlieren habe ich also nichts.
Jetzt werde ich aber erst einmal schlafen gehen und sehen was der nächste Tag bringt.

Ich klappe das Buch wieder zu, schließe es mit dem Schloss ab und lege es zurück in den Karton, welchen ich wieder im Schrank verstecke.
Es hat wirklich gut getan, mal alles aufzuschreiben, was mich betrügt.

Ich schlurfe Richtung Bad um mir die Zähne zu putzen.
Doch als ich das Bad betrete erwartet mich ein freudige Überraschung.
Du stehst mit geschlossenen Augen unter der Dusche.
Automatisch weiten sich meine Augen und betrachten deinen nackten Körper.
Du bist wirklich so wunderschön.
Schnell versuche ich mir so viele Details deines Körpers einzuprägen.

Doch plötzlich öffnest du deine Augen.
Erschreckt guckst du mich an doch schnell wandelt sich dieser Gesichtsausdruck in die blanke Wut um.
Und wenn ich mich nicht irre, bist du sogar ein kleines bisschen rot geworden.
„Ey du verdammt Schwuchtel! Wie notgeil bist du eigentlich, dass du mir beim Duschen zuguckst?! Du widerlicher Spanner! Raus hier! Sofort!“, schreist du mich an.

Mit einem fetten Grinsen im Gesicht verlasse ich das Bad und husche zurück in mein Zimmer.
Da ich jedoch genau weiß, dass du, nachdem du mit duschen fertig bist, an mir Rache nehmen willst, schließe ich mein Zimmer ab und lasse mich auf mein Bett fallen.
Ich schließe die Augen und sehe deinen nackten Körper wieder vor mir, an dem die vielen feinen Wassertropfen sich ihren Weg suchen.

Kurze Zeit später hämmerst du wie verrückt gegen meine Zimmertür und schreist, von wegen wie notgeil ich doch wäre und was für ein erbärmlicher Spanner ich sei und so was in der Art.
Doch richtig zuhören kann ich dir im Moment nicht, viel zu schön sind meine Gedanken an einen nackten Körper.

Ich weiß nicht wie lange meine Gedanken noch um dich schweifen, aber irgendwann schlafe ich ein, mit dem Bild von deinem nackten Körper vor meinem inneren Auge.

Von der Sonne geblendet öffne ich die Augen.
Ein Blick auf meinen Wecker verrät mir, dass es bereits 12 Uhr ist.
Langsam setze ich mich auf und halte mir meinen schmerzenden Kopf.
Es fühlt sich an, als ob ich einen Kater hätte, nur bin ich mir sicher, dass ich gestern keinen Alkohol getrunken habe.

Ich schieb die Decke zur Seite und setze dann meine Füße auf den kalten Parkettboden meines Zimmers.
Behutsam erhebe ich mich und tapse quer durch den Raum zu meinem Schrank, wo ich mir frische Sachen zum Anziehen raushole.
Ich beschließe mal wieder duschen zu gehen und laufe zur Tür, welche aber komischerweise abgeschlossen ist.
Einen Moment überlege ich, als mir der gestrige Abend wiedereinfällt und ich kann nicht anders als zu Grinsen als ich deinen nackten Körper vor mir sehe

Ich schließe meine Tür also wieder auf und laufe ins Bad, wo ich mich wieder einschließe.
Schnell entledige ich mich meine Boxershorts und stelle mich unter die Dusche.
Doch das herab prasselnde Wasser scheint meine Kopfschmerzen nur noch zu verschlimmern und so bin ich innerhalb von 10 Minuten auch schon fertig.
Ich zeihe mich an, style meine Haare, lackiere meine Nägel und schminke mich.

Danach verlasse ich das Bad wieder, laufe durch den Flur zu meinem Zimmer und bleibe vor meiner Zimmertür stehen.
Geschockt betrachte ich sie.
Doch dann muss ich grinsen und schüttel leicht mit dem Kopf, womit ich aber sofort, wegen meiner Kopfschmerzen, wieder aufhöre.
Du hast doch tatsächlich mit roter Farbe „SPANNER“ an meine Tür gesprayt.
Dir war die Action gestern also doch peinlich.

Wieder in meinem Zimmer, gehe ich zu meinem Schrank um mir ne Zigarette rauszuholen.
Mit der Kippe in der Hand laufe ich die Treppe runter und lasse die Kippe erst mal in meiner Manteltasche verschwinden, welchen ich mir dann aber auch gleich anziehe genauso wie meine Schuhe und so verlasse ich leise die Wohnung.

Draußen stecke ich mir dann erst mal die Kippe an und ziehe erleichtert den ersten Zug in die Lunge.
Ja ja, das gute alte Nikotin, was wären wir nur ohne es...
Hm, wahrscheinlich besser dran, weil wir dann nich in die Gefahr laufen würden Lungenkrebs zubekommen, aber das Nikotin is da ja schließlich nich allein dran Schuld.
Egal, genug über Lungenkrebs und Nikotin.

Ich laufe ein Stück die Straße entlang, als mich was nassen auf der Nasse kitzelt.
Fängt es etwa schon wieder an zu regnen?
Leicht genervt gucke ich nach oben und bemerke, dass es gar kein Regen, sondern Schnee ist.
Der erste Schnee, passend zum ersten Dezember.

Meine mittlerweile aufgerauchte Zigarette werfe ich auf den Boden und trete sie aus.
Ich beschließe ein bisschen durch die Innenstadt zulaufen, welche voll von Leuten ist und schon jetzt festlich geschmückt.
Ich beobachte die Kinder, die freudig lachen, weil der erste Schnee fällt und die Leute, die schon die ersten Weihnachtseinkäufe machen.

Ich laufe an einem kleinen Schmuckgeschäft vorbei, wobei mir eine Kette ins Auge fällt.
Sie ist wirklich schön.
Ein kleines silbernes herz, eigentlich gar nichts besonderes, aber trotzdem kann ich meinen Blick nicht von ihm abwenden.

„Hallo. Kann ich dir helfen?“
Ich schaue auf und bemerke eine kleine, etwas ältere Dame, die aus dem Schmuckladen heraus kommt.
Ich lächel ihr freundlich zu.
„Was hat es dir denn so angetan, dass du förmlich an der Fensterscheibe klebst?“, fragt sie und lächelt zurück.
„Diese Kette. Dieses kleine silberne Herz. Sie ist einfach wunderschön“, sage ich leise und deute mit dem Finger auf die Kette.
„Willst du sie kaufen? Ich kann dir auch noch was eingravieren, wenn du möchtest“, sagt sie.
„Ich.. ich weiß nich... Wie viel kostet sie denn?“
„Da bald Weihnachten ist, mache ich dir ein Angebot. Mit Gravur bekommst du sie für 50 Euro“, schlägt sie vor und schaut mich erwartungsvoll an.

Ich zähle das Geld nach was ich im Portemonei habe.
„Okay, ich nehm sie“, sage ich lächelnd.
„Na dann, komm mal mit rein“, sagt sie und verschwindet im Laden.
Ich folge ihr.
In dem Geschäft ist es warm und sehr gemütlich.
Der Laden an sich ist ziemlich klein und vollgestellt mit Schmuck jeglicher Art.

„Möchtest du denn eine Gravur?“
Ich nicke.
„Was soll ich denn eingravieren?“
„Bill & Tom“, murmel ich und schaue leicht beschämt zu Boden.
Die Frau verschwindet in einem Hinterzimmer.

Einige Minuten später kommt sie auch schon wieder raus und zeigt mir die Kette.
In der Mitte des kleinen Herzens steht in geschwungener Schrift „Bill & Tom“.
Meine Augen beginnen zu glänzen.

„Gefällt sie dir?“, fragt die Frau und wieder nicke ich nur.
Sie packt die Kette in ein Kästchen und überreicht es mir, im Gegenzug gebe ich ihr die 50 Euro und verabschiede mich.

Der Boden ist nun fast schon völlig on dem weißen Pulverschnee bedeckt.
Ich begebe mich, Weihnachtslieder summend, auf den Weg nach Hause.
Ich frage mich, was wir Weihnachten wohl machen werden?
Ob du mit mir feiern wirst?
Oder ob wir bei Mum feiern?
Oder feierst du vielleicht mit deinen Freunden?
Ich weiß, dass du die Weihnachtszeit eigentlich nicht magst.
Ich dafür um so mehr.
Ich liebe einfach alles was mit Weihnachten zu tun hat.

Wieder zu Hause lege ich das Kästchen mit der Kette erst mal in meinen Karton im Schrank, wo sich auch mein Tagebuch befindet.
Ich fühle mich gerade eigentlich ziemlich gut, so vom Geist der Weihnacht verzaubert und auch meine Kopfschmerzen scheinen sich in Luft aufgelöst zu haben.

Noch unschlüssig, was ich jetzt tun soll, setze ich mich auf meinen Schreibtischstuhl und starre aus dem Fenster, beobachte die herunterrieselnden Schneeflocken.

Plötzlich beginnt es zu klingeln.
Das Telefon.
Na ja, dass ist eh nicht für mich.
Mit mir will ja schließlich niemand reden.
Du scheinst jedoch anderer Meinung zu sein.
„Geh ans Telefon, Schwuchtel!“, schreist du und ich tue wie mir befohlen und hebe ab.

„Kaulitz?“
„Bill? Bist du das?“
„Ja... Hey Mum!“
„Wie geht’s euch? Ihr meldet euch ja gar nicht mehr“, meint sie und ihre Stimme klingt leicht beleidigt.
„Uns geht’s gut. Und es tut mir Leid, dass wir uns nich bei dir gemeldet haben. Wir hatten einfach viel zu tun“, lüge ich.
„Ist schon okay. Ich wollte eigentlich auch nur mal fragen, ob ihr nicht Lust hättet mal wieder vorbei zu kommen. Wir könnten ja vielleicht zusammen Plätzchen backen, so wie früher“
„Klar, ich komme gerne“, meine ich freudig.
„Sehr schön. Dann gib mir doch bitte noch mal Tom“





„Ja, mach ich. Also bis gleich Mum“
„Bis gleich mein Schatz“

Ich nehme den Hörer runter.
„Tom?“, rufe ich, da ich nicht so recht weiß, wo du gerade bist.
„Was denn?“, kommt es genervt von dir.
Ich laufe in dein Zimmer und strecke dir den Hörer entgegen.
„Mum für dich“, meine ich lächelnd.
Du reißt mir unsanft den Hörer aus der Hand und ich verziehe mich wieder.
Ich weiß ja, dass du mir es eigentlich verboten hast dein Zimmer zu betreten.

Ich laufe in den Flur ziehe mir wieder Mantel und Schuhe an.
Langsam drücke ich die Klinke der Haustür herunter und öffne die Tür.
Sofort kommt mir ein eisiger Wind entgegen, welcher mich eine Gänsehaut bekommen lässt.

„Schwuchtel, wart mal“
Verwundert gucke ich dich an.
Dein Tonfall ist gar nicht so bissig und schneidend wie sonst.
„Ich komm mit. Mum zu Liebe“, sagst du und ziehst dir eine Jacke über.

Mein Herz macht einen Sprung.
Wir zwei werden jetzt zu Mum gehen.
Wir zwei ganz alleine.
Vielleicht schaffe ich es ja sogar ganz normal mit dir zu reden.
So wie früher.

Du schließt die Haustür hinter dir ab.
Am Liebsten würde ich jetzt deine Hand nehmen und mit dir durch den frischen Schnee laufen.
Doch ich behalte meine Hände bei mir und wir laufen eine Weile schweigend nebeneinander her.

„Sag mal, Tom. Warum läufst du mit mir?“, unterbreche ich schließlich das Schweigen.
„Weil Mum sich sonst fragt, warum wir nicht zusammen gelaufen sind. Ich will das sie nicht erfährt was zwischen uns abgeht, is das klar?!“
Ich nicke.

„Schwuchtel, warum hasst du mich nicht? Nach all dem was ich dir antue, wieso hasst du mich da nicht?“, fragst du mich plötzlich.
Ich gucke auf den Boden.
Auf den Schnee, den ich mit meinen Füßen beim Laufen zerdrücke und Fußabdrücke hinterlasse.
Ich bin mir sicher, dass du meine Erklärung nicht verstehen wirst, doch bevor du wieder sauer wirst sage ich leise: „Weil ich dich liebe“
„Verdammt Schwuchtel das ist doch kein Grund“
„Tom, du warst wohl noch nie verliebt, was?! Das Gefühl, dass ich bekomme, wenn ich dich anschaue oder mit dir rede, wenn du einfach nur in meiner Nähe bist, das ist so stark, dass es alles anderen Gefühle in diesem Moment verdrängt. Du kannst das nicht verstehen. Ich werde nie aufhören dich zu lieben, auch wenn du mich ewig hassen wirst“, erwidere ich in ruhigem Ton.

Du sagst nichts, schaust einfach stur gerade aus.
Was du jetzt wohl denkst?
Ich seufze leise.

„Hey Tom“
Du bleibst stehen.
Drehst dich um.
Ich tue es dir gleich und sehe wie zwei Typen auf uns zu kommen.
Du begrüßt sie mit Handschlag und redest ein paar Worte mit ihnen.

„Und wen haben wir denn da? Unsere Lieblingsschwuchtel“, meint einer dieser Typen gehässig, dessen Name, glaube ich, Georg ist.
Du hängst oft mit ihm rum, er ist dein Kumpel.
Er kommt auf mich zu und schlägt mir hart auf die Schulter.
Ich zucke zusammen und schaue ihn ängstlich an.
„Was hast du denn da gemacht?“, fragt Georg mit Ironie in der Stimme und deutet auf meine Lippe und die Kratzer an der Wange.
„Sag bloß, das warst du, Tom“, lacht Georg.
Du zuckst mit den Schultern und grinst.
„Wer denn sonst?“
Georg und der andere Typ lachen.

Der andere Typ, dessen Namen ich nicht kenne, kommt auf mich zu und Panik steigt in mir auf.
Ich weiß ganz genau was jetzt kommt.
Sie werden mich höchstwahrscheinlich verprügeln oder sich sonst irgendwie über mich lustig machen.

Georg schubst mich und der andere Kerl stellt mir ein Bein, sodass ich unsanft in den Schnee falle.
Ich werfe dir einen hilfesuchenden Blick zu, doch du grinst nur.
Am Liebsten würde ich jetzt heulen, doch genau das wollen sie ja.
Ich kann jedoch nicht verhindern, dass ich glasige Augen bekomme.
Du wirfst mir einen verächtlichen Blick zu.

„Also Leute, ich und die Schwuchtel, wir müssen weiter. Sorry. Wir sehn uns“, meinst du plötzlich, ziehst mich an meinem Arm hoch und läufst schnell mit mir weiter.
Die zwei Typen sind so perplex, dass sie kein Wort sagen.
Uns einfach gehen lassen.

Hast du mir gerade wirklich geholfen? Ungläubig schaue ich dich an.
„Guck nicht so! Hätten sie dich verprügelt, hätte Mum gedacht, dass ich das war. Ich hab das nur für mich gemacht, klar?!“, raunst du mich an.
Ich nicke wieder nur.

Den Rest bis zu Mum und Gordons Haus schweigen wir.
Aber ich könnte trotzdem vor Freude platzen.
Du hast mir tatsächlich geholfen !

Mum begrüßt uns überschwänglich, umarmt und küsst uns und bittet uns dann schließlich rein.
Wie schön es ist wieder hier zu sein.
Immer hin habe ich hier die meiste Zeit meines bisherigen Lebens verbracht.
Wir gehen mit Mum in die Küche.
Du lässt dich auf die Eckbank fallen und ich bleibe noch etwas planlos einfach stehen und beobachte Mum, die überall in der Küche rumwuselt und die Zutaten für die Plätzchen zusammen sucht.

„Und erzählt mal Jungs. Gefällt es euch beiden so ganz allein in einer Wohnung?“
Du wirfst mir einen warnenden Blick zu.
„Klar. Also ich finds echt toll. Tom und ich haben so viel Spaß zusammen“, lüge ich.
„Das ist ja schön“, sagt sie lächelnd, „Es ist ja so leise ohne euch“
Mum schaut mich einen Moment besorgt an.
„Was ist dir denn eigentlich passiert, Schatz? Warum is deine Unterlippe so dick? Und warum hast du Kratzer an der Wange?“
Oh Scheiße! Jetzt brauch ich schnell ne Ausrede.
„Also, ich weiß auch nicht. Aber irgendwie hab ich’s geschafft die Treppe runterzufallen und dabei hab ich mir die Lippe aufgeschlagen. Und die Kratze... Das war diese blöde Katze von unseren Nachbarn. Sie scheint mich wohl nicht sonderlich zu mögen“, lache ich.
Mum wirft mir einen skeptischen Blick zu.
Ich glaube nicht, dass sie mir die Geschichte glaubt, aber immer hin sagt sie nichts weiter dazu.

„Na ja, dann wollen wir erst mal Plätzchen backen“, sagst sie fröhlich.
Ich stelle mich neben sie und krempel langsam die Ärmel meines Pullis hoch.
Ich merke wie Mum in der Bewegung inne hält.
Verunsichert gucke ich sie an.
Als ich einen Blick zu dir werfe, merke ich, dass auch du kurze zeit erstarrt bist.
„Was?“, frage ich und gucke von Mum zu dir und wieder zurück.

Mum greift nach meinem Handgelenk und zieht meinen Arm zu sich.
„Was ist das Bill?“, fragt sie ängstlich.
Ich gucke auf meinen Arm, der von vielen, sehr vielen, feinen Narben geziert ist.
Oh Mist! Wie kann ich denn auch nur so dumm sein?
Wie konnte ich das vergessen?

„Ach so das... Mein Spiegel ist kaputt gegangen und da hab ich mich geschnitten“, versuche ich mich rauszureden.
„Lüg mich nicht an! Du ritzt dich, oder?“, schreit Mum schon fast und sie scheint genauso wie ich den Tränen Nahe zu sein.
Ich gucke zu dir, doch dein Blick haftet immer noch auf meinem Arm.
Ich befreie mein Handgelenk aus Mums griff und ziehe die Ärmel meines Pullis hektisch wieder runter.

Ich habe Angst.
Angst, dass jetzt alles auffliegt.
Angst vor Mums Reaktion.
Angst vor dir, denn zu Hause wirst du mich bestrafen, dafür, dass ich mal wieder alles kaputt gemacht hab.
Tränen bahnen sich ihren Weg über meine Wangen.

„Das geht dich nichts an! Das geht niemanden etwas an! Das ist ganz allein mein Problem!“, schreie ich unter Tränen und verlasse dann fluchtartig die Küche.
Ich schnappe mir meinen Mantel, öffne die Tür und beginne zu rennen.
Doch dann beginne ich plötzlich zu schlittern, da der Weg vereist ist.
Ich verliere das Gleichgewicht und schlage unsanft mit dem Hinterkopf auf dem Boden auf.
Einen Moment bleibe ich liegen und weine.
Was soll ich denn jetzt bloß tun?
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